Ratsch-Mobil Bad Windsheim: Wie ein ARI 345 die Kirche auf den Marktplatz bringt

8. September 2026

Ratsch-Mobil Bad Windsheim: Wie ein ARI 345 die Kirche auf den Marktplatz bringt


Donnerstagvormittag auf dem Marktplatz in Bad Windsheim: Zwischen den Marktständen steht ein dreirädriges Elektrofahrzeug mit Planenaufbau, daneben Klappstühle und eine Kanne Kaffee. Wer möchte, bleibt stehen und kommt ins Gespräch. Das Fahrzeug heißt Ratsch-Mobil, und darunter steckt ein ARI 345.


Betrieben wird es vom Evangelisch-Lutherischen Dekanat Bad Windsheim. Der Gedanke dahinter: Kirche wartet nicht darauf, dass Menschen in ein Gebäude kommen, sondern fährt dorthin, wo sie ohnehin sind. Auf fränkisch heißt Plaudern eben "ratschen".


Von der Idee zum Fahrzeug


Angestoßen hat das Projekt Gerhard Beck, seit März 2021 Dekanatsbeauftragter für Gemeindemission und Missionarische Dienste. Bei einer Pfarrkonferenz im Januar 2022 lernte er ein verwandtes Konzept aus Herzogenaurach kennen: einen elektrisch unterstützten Fahrradanhänger als mobiles Café. Der eigene Plan mit einem Lastenanhänger ließ sich nicht umsetzen, stattdessen fiel die Wahl auf ein eigenständiges Fahrzeug. Im September 2023 stand der ARI 345 mit Planenaufbau in Bad Windsheim. Im Rückblick bewertet das Dekanat diese Lösung ausdrücklich als die bessere.


Finanziert wurde die Anschaffung zu rund 80 Prozent über die MUT-Initiative der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Dazu kamen Zuschüsse der Stadt Bad Windsheim und aus dem Klimafonds des Landkreises, der Elektromobilität gezielt fördert.


Warum ein Lastenmoped und kein Transporter


Ein klassischer Transporter wäre zu viel Fahrzeug gewesen. Gefragt war etwas, das zwischen Verkaufsständen Platz findet, leise und lokal emissionsfrei fährt und zum Anliegen des Projekts passt.


Der ARI 345 fährt maximal 45 km/h und darf mit dem Mopedführerschein der Klasse AM gefahren werden, also bereits ab 15 Jahren. Dank Kabinendach und Dreipunktgurt entfällt die Helmpflicht, was für ein ehrenamtliches Team aus Menschen unterschiedlichen Alters einen erheblichen Unterschied macht. Die Nutzlast von rund 325 Kilogramm reicht für Getränke, Geschirr, Sitzgelegenheiten und Material eines ganzen Einsatztages.


Der Planenaufbau schützt die Ausrüstung unterwegs und lässt sich am Einsatzort in wenigen Handgriffen öffnen. Ergänzt wurde das Fahrzeug um einen Dachkorb mit Namensschild, die Seitenflächen dienen als rollende Plakatwand für Gottesdienste und Veranstaltungen.


Ein Fahrzeug, viele Einsatzorte


Fester Termin ist der Wochenmarkt, donnerstags von 9 bis 12 Uhr. Als der Marktplatz wegen einer Baustelle wegfiel, wich das Team auf den Klosterplatz aus. Dazu kommen Einsätze über das ganze Jahr: das Altstadtfest samt Festzug, mehrere Tage beim Weinturmfestival, eine Mittagsetappe der BR-Radl-Tour in Obernzenn mit rund tausend Teilnehmenden, Freiluft-Gottesdienste im Kurpark, Sonnenuntergangs-Segen am Kochsweiher, Dorfflohmärkte und das Ezerdla Mundartfestival in Burgbernheim. Der organisatorische Aufwand bleibt dabei klein. Der ARI 345 fährt vor, die Plane geht auf, der Kaffee läuft.


Betrieb im Alltag


Das Ratsch-Mobil fährt saisonal von etwa März bis November. Im Winter steht es geschützt und wird regelmäßig nachgeladen, damit die Akkus die kalte Jahreszeit gut überstehen. Die erste Inspektion verlief nach Angaben des Teams ohne Beanstandungen. Auch die laufenden Kosten bleiben überschaubar: Fahrzeuge der Klasse L2e sind günstig zu versichern, die Energiekosten liegen bei einem Strompreis von 30 Cent pro Kilowattstunde bei etwa 1,70 Euro auf 100 Kilometer.


Was andere Organisationen daraus mitnehmen können


Für Kirchengemeinden, Vereine, Quartiersinitiativen und kommunale Einrichtungen sind vor allem drei Punkte relevant. Erstens der Führerschein: Die Klasse AM genügt, damit kommen deutlich mehr Menschen als Fahrerinnen und Fahrer in Frage. Zweitens die Aufbauvielfalt: Neben Pritsche mit Planenaufbau und Kofferaufbau ist der ARI 345 auch als Verkaufsfahrzeug und Food Truck erhältlich, jeweils in mehreren Größen. Wer eine Theke oder Ausgabefläche braucht, muss nicht selbst konstruieren. Drittens die Förderfähigkeit: In Bad Windsheim kamen kirchliche Projektförderung, kommunale Mittel und ein Klimafonds zusammen, dazu lässt sich jährlich die THG-Quote vermarkten.


Dass sich das Prinzip übertragen lässt, zeigt ein Beispiel aus einer ganz anderen Richtung: In Berlin-Reinickendorf ist ein ARI 345 Retro mit ausgebautem Kofferaufbau als mobiles Bibliotheksfahrzeug unterwegs.


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